RP: Eine Stadt im Livestream

Viele Händler in den Innenstädten stehen wegen des Lockdowns vor dem Ruin. Dülmen im Münsterland hält mit einem Online-Kanal dagegen – dort wird verkauft, aber auch gekocht und geredet. Mit einigem Erfolg.

DÜLMEN | Statt in ihr Geschäft gehen viele Einzelhändler im münsterländischen Dülmen derzeit lieber auf Sendung. Vor laufender Kamera verlegt ein Schreiner spezielles Laminat, stellt ein Haushaltswaren-­Händler Töpfe vor oder präsentiert ein Hörgeräte-Akustiker die neuesten Errungenschaften. Allesamt keine Medienprofis, geben sie trotzdem ihr Bestes, um auch im Lockdown ihre Waren irgendwie an die Kunden zu bringen. „Lokal at Home“ heißt das Pilotprojekt, das Harald Wehmeyer, Geschäftsführer der Agentur Wehmeyer + Team, gemeinsam mit der Kaufmannschaft der Stadt und Unterstützung von Bürgermeister Carsten Hövekamp auf die Beine gestellt hat. Seit dem 16. Februar ist der Livestream online. Mit Erfolg. Wehmeyer formuliert es etwas salopper: „Die Zuschauer rennen uns die Bude ein.“

Das lokale Streaming-Angebot versteht sich allerdings nicht nur als reine Online-Plattform für den ortsansässigen Handel, wie es sie in vielen Städten schon länger gibt. Vielmehr solle der Kanal ein „Schaufenster für Dülmen“ sein, sagt Wehmeyer, das beispielsweise auch Künstlern und anderen Kulturschaffenden, Gastronomen und Vereinen die Möglichkeit eröffne, sich zu präsentieren. Im Idealfall könne „Lokal at Home“ die städtische Vielfalt spiegeln, mit den Verkaufsangeboten als Fundament.

Das Format scheint zu funktionieren. Vom Start weg hatte das Programm 500 Zuschauer, nach einer Woche sind es insgesamt mehr als 10.000, die im Schnitt 16 Minuten verweilen. „Das ist für unser noch begrenztes Angebot extrem lang“, sagt Wehmeyer, „und vor allem: Die Leute kaufen auch.“

Gedreht wird in einem professionell eingerichteten Filmstudio, für die Umsetzung sorgt die Firma MP Veranstaltungstechnik. Mittlerweile wurden rund zwölf Stunden Material produziert, das in Wiederholungsschleifen läuft. Dazu kommen aber auch feste Live-Sendeplätze, etwa für eine Kochshow, eine Politikrunde oder eine virtuelle Cocktail-Nacht, bei der die Getränke bestellt und ausgeliefert werden können. Natürlich lebt das alles ein wenig vom Charme des Unfertigen, hat zumindest bei der Präsentation manchmal etwas Amateurhaftes – peinlich dürfe es jedoch nicht sein, sagt Wehmeyer. Das sei eine gewisse Gratwanderung, und es gebe teils auch Berührungsängste bei den Händlern. „Wir probieren aber viel, geben Hilfestellung und nehmen so jeden mit“, sagt er. Denn Ziel ist es, den Live-Anteil zu erweitern, um noch attraktiver zu werden.

Das Beispiel Dülmen zeigt einen Weg, wie Kommunen und Händler nach Wegen aus der Krise suchen. Die Lage im deutschen Einzelhandel hat sich durch den zweiten Lockdown ab Dezember verschärft. „Viele Händler befinden sich in einer dramatischen Situation. Ohne passgenaue staatliche Unterstützung und ohne Öffnungsperspektive werden in vielen Innenstädten in den kommenden Wochen die Lichter ausgehen“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes HDE. In einer Verbandsumfrage unter 2000 Händlern erklärten rund 60 Prozent, dass sie ohne weitere staatliche Hilfen in diesem Jahr schließen müssten. Die Branche klagt seit geraumer Zeit darüber, dass ein Großteil des staatlichen Unterstützungsangebots nicht ankomme oder Händler bei den Kriterien durch den Rost fielen. Die vom Lockdown betroffenen Händler hätten im vergangenen Jahr im Schnitt nur 11.000 Euro Unterstützung bekommen. Für viele zu wenig, um auf Dauer überleben zu können. Deshalb haben einige beschlossen, gegen den Lockdown zu klagen, weil sie diesen als unverhältnismäßig ansehen. Unter ihnen sind der Elektronikhändler Media-Markt Saturn, die Baumarktkette Obi und das Modeunternehmen Peek & Cloppenburg.

Wo Händler in Innenstädten nicht mehr weitermachen können, droht Leerstand in beträchtlichem Ausmaß. Deshalb hat der Deutsche Städtetag am Donnerstag Bundeshilfen von 2,5 Milliarden Euro gefordert. Städtetagspräsident Burkhard Jung sagte: „Wir stellen uns 500 Millionen Euro jährlich für fünf Jahre vor, um nachhaltig etwas zu erreichen.“ Das Geld soll unter anderem dafür genutzt werden, leerstehende Ladenlokale vorübergehend zu mieten, ehemalige Kaufhäuser zu erwerben und neue ­Innenstadt-Konzepte zu entwickeln. Auf Landesebene laufen bereits solche Programme. In NRW beispielsweise hat das Bauministerium im vergangenen Jahr ein Soforthilfe-Programm von 70 Millionen Euro für die Innenstädte aufgelegt. Das sei aber noch längst nicht genug, heißt es bei Unternehmen und Kommunalpolitikern.

Auch die Produktion von „Lokal at Home“ kostet viel Geld. Mit rund 400 Euro schlage eine Studio­stunde zu Buche, sagt Wehmeyer. Bis zu acht Mitarbeiter sorgen hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf. Ohne Hilfe von Sponsoren sei das kaum zu stemmen, auch der lokale Einzelhandelsverband habe Anschubhilfe geleistet. Ansonsten versuche man, so professionell wie möglich zu agieren, um die Vorbereitungs- und Drehzeiten für die Teilnehmer so gering wie möglich zu halten. Und Wehmeyer hofft, dass er sein Konzept, das er sich hat schützen lassen, anderen Städten schmackhaft machen kann. Nachbarorte haben bereits Interesse signalisiert, erste Gespräche mit der Bürgermeisterin von Coesfeld sind angesetzt. Aber selbst wenn sich keine weiteren Partner finden, soll „Lokal at Home“ in Dülmen weiter auf Sendung gehen. „Wir wollen das als festes lokales Portal etablieren“, sagt Wehmeyer, „auch über den Lockdown hinaus.“

 

Quelle: Rheinische Presse E-Paper, Jörg Isringhaus und Georg Winters, 25.02.2021

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